16. Januar 2009

Die letzten Tage...

Von Ukraine 2008

Es ist ein fast schon politischer Besuch. Mit Kamera-Team und allerhand offiziellen Leuten. Wir 3 wissen uns gar nicht so richtig staatsmännisch zu benehmen. Wir haben noch nie so sehr eine echte Mission in diesem Projekt gesehen, wie in diesem Moment - in einem Waisenheim, 50 km westlich von Kiev. Uns wird alles gezeigt. Wir werden interviewt, als wären wir Entscheider, mit deren Hilfe etwas bewirkt werden könnte.
Ich wollte doch nur Fotos machen, die Szenerie betrachten, lieber leise und für mich, als so laut, und absolut öffentlich. Wir gehen durch die Flure, können uns von durchaus guten Bedingungen überzeugen lassen.
Von Ukraine 2008

Was wir nicht erfassen können, sind die Emotionen der Kinder selbst. Die Sprache und die Zeit ist das Problem. Ich schaue in ihre Gesichter, wie glücklich sie sind, wenn wir die Bonbons (wir haben extra 2 Pakete im Vorfeld gekauft) regnen lassen. Wie schön und einfach so ein Kinderlächeln ist! Auf dem Hof spielen sie mit einem Schäferhund Fußball. Der Hund denkt wohl er wäre der 11. Mann im Team und bei einem Mannschaftsfoto, positioniert er sich wie selbstverständlich mit dazu.
Das Problem solcher Einrichtungen ist nicht deren Standard, der ist durchaus gut. Das Problem ist wie immer die Perspektive. Ab 18 müssen die Kinder die Einrichtung verlassen. Dann ruft der Wehrdienst, und danach!? Das ist oft die ungelöste Frage.
Von Ukraine 2008

Am nächsten Tag geht es wieder nach Kiev. Noch ein letztes Mal erkunden wir die Stadt, z.B. einen öffentlichen Fittens-Park auf einer Insel im Dnjepr, genießen zum vorletzten mal unser Abendbrot in einem sehr komfortablen Appartement im Zentrum der Stadt.

Mir ist ein wenig mulmig zumute, als ich die Augen öffne, an jenem Morgen. Schönster Sonnenschein – ich habe auf Regen gehofft. Kiew, einen Tag vor unserer Abreise. Die letzten Stunden, die letzte Aufgabe.
Der komfortabelste Bus, welcher uns je in der Ukraine bewegt hat – die Tour ist sonst auch für Diplomaten gedacht – fährt uns in Richtung Norden. Die Reiseleiterin macht einige Witze, sagte wir sollten Rotwein trinken, dann wird schon alles gut. Heiter und lustig zu einem der wohl traurigsten Orte der Welt. Alle Gesprächspartner haben uns bis dato davon abgeraten. Man selbst macht sich ja durchaus auch Gedanken. Das war keine kurz entschlossene Entscheidung. Das Organisationsteam hatte wohl auch eher Bedenken, von den Eltern und der Freundin mal ganz zu schweigen. Ich habe alte Sachen an, die ich hinter wegschmeißen werde. Sehe wenig Diplomatisch aus, fast schon zu lässig.
Ich nutze die Zeit und schau gedanklich ein wenig zurück. Was schon alles hinter uns liegt. Was wir bisher erlebt haben. Kiew, Champions Leauge (Kiew vs. Arsenal), ein Interview mit einer Dame, die zur Zeit der Katastrophe in Prypjat gelebt hat, Krementschuk und Kaniv mit den jeweils freundlichsten Gastgebern, die dafür gesorgt haben, das unsere Bäuche wachsen, die uns wieder gesund gemacht haben und ohne die wir wohl niemals so tief in das Land eingetaucht wären. Igor und seine getunten Autos, Natalja unser Kiew Scout, Julia und Igor, die Schwestern aus Slawutschitsch und die Schulklasse aus Kaniv – die Freundlichkeit dieser Menschen war absolut großartig. Ich lächele leicht und denke doch wieder an unser heutiges Ziel. Nach knapp 2 Stunden erreichen wir den Checkpoint. Unsere Pässe werden kontrolliert, danach geht es weiter in der gesperrten 30km Zone. Wir halten kurz an einem Denkmal für die Feuerwehleute, ich merke dass mein Objektiv kaputt ist und fange fast an zu weinen.
Ich habe mir lange meine Gedanken über diesen Besuch gemacht, mich gefragt wie es auch emotional rührend sein wird – und ich weine wegen meines Objektivs!? Ich reiße mich wieder zusammen.
Die Sonne scheint an diesem Tag. In der „Zone“ herrscht an manchen Stellen durchaus Betriebsamkeit. Menschenleere gibt es zwar, aber in Tschernobyl und im Kraftwerk selbst arbeiten noch 3500 Menschen. Als wir weiter fahren und einige Minuten später am Horizont den typischen Turm sehen wird es ruhiger im Bus. Wir fahren immer näher und machen nur einige hundert Meter entfernt Halt um uns in einer Art Touristeninformationszentrum den Ablauf der Katastrophe nochmals genau erklären zu lassen. Ich frage mich wie das wohl ist hier zu arbeiten. Vor allem auf lange Sicht! Unsere Zeitzeugin aus Slawutschitsch hat uns zwar berichtet das man sehr früh in Rente gehen kann (Mitte 40), dennoch versuche ich unentwegt das Risiko abzuwägen – auch die eigene Angst. Es geht bald weiter. Wir fahren einmal um die gesamte Anlage herum und stehen wenig später auf einem kleinen Platz mit Sicht auf das Ungetüm, welches viel größer wirkt, als auf all den Bildern. Block 4 und sein Sarkophag. 100 Meter Luftlinie. Ich schieße wie blöde Fotos und komme mir sehr bald doch nur wie ein Katastrophentourist vor.
In einem kleinen 2-geschossigem Gebäude betreten wie einen Raum, wieder ein Modell, wieder die Erklärungen zum Unglückshergang. Ich hätte mich nicht derart gut vorbereiten sollen, denn ich langweile mich. Einzig dieses fast schon zyreale Panoramafenster zum Reaktor kann meine Aufmerksamkeit halten. Der Strahlungsmesser über Tür zeigt niedrige Werte, es beruhigt mich nur mäßig. Eine ganze Stunde dauert der Vortrag der Mitarbeiterin, die engagiert wie im Theater mit Mimik und Gestik gar mit der Stimmlage ein Bild der Katastrophe zu zeichnen versucht. Danach fahren wir weiter. Geisterstadt. Prypjat! Endzeitstimmung a la Hollywood. Nur halt in Echt! Und irgendwie mehr als beängstigend, auch beeindruckend. Eine der wohl einzigartigsten Kulissen dieses Planeten. Ein Ort tausender Geschichten und Tragödien. Aus knapp 50.000 Einwohnern mach null. Hotels, Kulturzentren, Häuserblocks, alles leer, verfallen, nur die Gardinen hängen noch wie vertraut in den Fenstern. Die Natur schluckt langsam und unaufhörlich die Szenerie. Irgendwann ist hier alles grün und dann ist alles vergessen. Wir bewegen uns dort völlig frei, erst als unsere Reiseleiterin sagt, wir sollten das Moos besser nicht betreten, mache ich einen Bogen um das so freundliche Grün. Der unsichtbare Feind ist doch noch da – und schon vergisst man es!
Von Ukraine 2008

Am Abend besuchen wir in Kiev noch ein Konzert – Kraftwerk. Um die Syrealität noch zu toppen. Natürlich spielen sie den Song mit Tschernobyl. Ich glaube das war einer der merkwürdigsten Tage meines Lebens.
Am nächsten Morgen fahren wir schon wieder zurück. 24 Stunden bis Berlin plus knapp 3 nach Rostock. Overload im Kopf und pure Erschöpfung. Die Verarbeitung dauert noch lange. Aber das sind wohl die guten Trips, in denen man einen großen Teil mit nach Hause nimmt.

1 Kommentar:

Admin hat gesagt…

beeindruckende Photos!

Best Wishes
Martin =)